Mit Literatur und Bildung gegen die Gier: Erfolgsautorin Ursula Poznanski las am 13.4.26 am DHG aus ihrem aktuellen Thriller „Cryptos“ und stellte sich den zahlreichen Fragen der Schüler
Aichach (Lam) –
Wer ein Buch liest, folgt der Stimme und den Gedanken des Autors. Darum ist es immer wieder aufschlussreich, Autoren zu hören und zu sehen, die aus ihren eigenen Büchern lesen. Zudem kann man
dann auch die Gedanken hinter diesen Geschichten erfragen. Schülerinnen und Schüler des Deutschherren-Gymnasiums und einige auswärtige Gäste hatten diese Gelegenheit am 13.4.26 auf Einladung von
Fachschaftsleiter Michael Lang bei Ursula Poznanski. Diese ist seit Jahren eine der meistgelesenen deutschen Autorinnen.
In Aichach las sie aus ihrem aktuellen Thriller „Cryptos“, der auf der Leipziger Buchmesse 2021 als bestes phantastisches Buch des Jahres ausgezeichnet wurde. Mehrere Klassen der Schule lesen das Buch gerade, viele weitere haben bereits seit 2011 Poznanskis Erstling „Erebos“ gelesen, für das sie unter anderem den Jugendliteraturpreis bekam. Darüber hinaus hatte eine Schülerin ihre wissenschaftliche Arbeit im W-Seminar „Gegenwartsliteratur“ über „Cryptos“ geschrieben und konnte nun die Autorin dazu befragen. Einer der aktuell zwei Schüler unseres Gymnasiums, die bereits eigene Bücher veröffentlicht haben, konnte zudem die berühmte Kollegin treffen.
In „Cryptos“ geht es um eine dystopische Welt. Diese ist durch fortschreitende Erwärmung heiß und unwirtlich geworden, Inseln und Küstenstädte sind versunken, die Ernährung ist geschmacklos und künstlich. Darum leben die Menschen lieber in virtuellen Welten, die sie sich fast nach Belieben aussuchen können, darunter irische Fischerdörfer, Feen-Städte, Dinosaurier in freier Wildbahn oder mittelalterliche Turniere. Über 80 Welten hat Ursula Poznanski sich für das Buch ausgedacht und mit großer Erzählfreude gestaltet. Allerdings treten dort Fehler auf und die junge Weltendesignerin Jana begibt sich in ihre eigenen virtuellen Realitäten, um diese Fehler zu untersuchen. Durch Manipulationen am System steckt sie plötzlich dort fest, bis sie durch eine Reihe von Welten in das Titel gebende „Cryptos“ fliehen kann. Gedacht sind die Welten als virtuelle Realität mit allen Sinnen, in denen alles schöner und interessanter ist, „als hätte die Welt ein Upgrade bekommen.“ Darum verbringen die Menschen nur wenige Minuten pro Tag in der Realität. Erst später entdeckt Jana, was inzwischen in der Realität passiert.
Aus dieser Handlung las die Autorin fast eine dreiviertel Stunde lang volle eineinhalb Kapitel. Sie tat es mit viel
Betonung, doch ruhig und ohne übertriebene Gesten, mit leichtem Wiener Dialekt. Am Ende dieses Ausschnitts stirbt die Designerin virtuell und erwacht so endlich wieder in der Realität, denn noch
ist „der Tod nur eine Illusion.“
Die offensichtlich gut vorbereiteten jungen Zuhörer in der voll besetzten großen Aula des Gymnasiums folgten Poznanski in konzentrierter Aufmerksamkeit. Danach stellten sie viele Fragen zum
Inhalt und zur Realität des Schreibens. So erfuhren sie, dass Poznanski zu den nur zwei Prozent aller deutschen Autoren gehört, die von ihren Büchern leben können. Die Autorin gestand, dass sie
selbst so viele Bücher verkaufe, dass sie sogar gut lebe. Dafür schreibe sie allerdings jeden Tag, sodass auch in Aichach einzelne Seiten des gerade entstehenden Cryptos-Nachfolgers „Canvas“
geschrieben worden sein dürften.
Eine andere Ebene erreichten naturgemäß die Fragen der angehenden Abiturientin. So erfuhren die Zuhörer, dass Poznanski unter Literatur alles versteht, „was einen in Buchform in eine fremde Gedankenwelt mitnimmt.“ Denn dies ermögliche es im Gegensatz zu Filmen, „in den Kopf von jemand anderem reinzuschauen und in die Fantasie quasi mitgenommen zu werden.“ Besonders gefalle ihr dabei, „dass der Leser selbst aktiv wird“ und sie selbst „nur eine möglichst gute Vorlage liefern kann.“ Der Kern von „Cryptos“ sei: „Wie stelle ich die Masse ruhig?“
Dies warf die Frage auf, was derzeit das größte gesellschaftliche Problem ist und was der Mensch dagegen tun könne: Gefordert, sich auf nur ein Problem festzulegen, benannte Poznanski die Gier und hofft als Gegenmittel auf Bildung, damit „Menschen sich nicht so leicht an der Nase führen lassen.“ Die Lesung am Gymnasium war ein Versuch dazu.
(Text: Michael Lang)